Europa und Griechenland

 

 

Wie empfindet Ihr die deutsche Berichterstattung zur Krise in Griechenland?

ALISSEOS: Meist tun diese Berichte über die "faulen Griechen, die über ihre Verhältnisse leben" einfach weh; sie diffamieren unglaublich viele Menschen grob, die vor der Krise unter einem korrupten Staatsapparat, und nun unter der Krise zu leiden haben. Wir kennen viel zu viele extrem bescheidene und verdammt fleißige Griechen, als dass uns das nicht berühren würde!
Die dadurch entstehenden Vorurteile und großen Informationslücken sind wirklich bestürzend, die folgenden Ressentiments, Aggressionen und Radikalisierungen auf beiden Seiten erschreckend und sogar gefährlich.
Immer wieder gibt es Schlagzeilen wie: "Nichts geht mehr in Griechenland!". Wir aber vermissen Schlagzeilen wie z.B. diese:

- "Troika lehnt Absicht der Griechen ab, weniger für Rüstungsmaterial auszugeben"

- "Arbeitslosigkeit in Griechenland bei 34 Prozent und somit auf dem Stand von 1958"

- "Nettotageslohn der griechischen Jugendlichen und einfachen Arbeiter liegt bei ungefähr 18 Euro"

     
griechische Spritpreise im September 2012  

- Merkt Ihr die Krise oder merkt Ihr sie weniger, weil Ihr Eure Produkte ins Ausland verkauft?

ALISSEOS: Natürlich merken auch wir die Auswirkungen der Krise, denn die Lebensmittel-  und beispielsweise Spritpreise sind noch einmal stark gestiegen, obwohl sie schon lange über den deutschen lagen; niemand, auch wir nicht, kommt mit dem noch vor einem Jahr einkalkulierten Einkommen aus.  So ist z.B. die Eigenversorgung, soweit möglich, bei allen ein ganz vorrangiges Thema; unser Garten ist üppiger denn je, mein Mann repariert konsequent die Autos und alle Haushaltsmaschinen selber und vieles mehr. Und natürlich müssen wir auch unsere Ausgaben stark einschränken: Die Einfachheit mancher Genüsse - wie ein selbstgemachtes Olivenöl mit eigenen Tomaten und einem leckeren Schafskäse des Nachbarn – entschädigen durchaus, ohne jede romantische Idee! Urlaub machten wir stundenweise zuhause – und es war auch sehr schön!
Positiv also: Wir haben, inmitten einer großzügigen und freundlichen Gemeinde auf dem Land, festgestellt, dass das Gespenst „Den-Gürtel-enger-schnallen“ nicht die wesentliche Lebensqualität, die Fröhlichkeit und die Dankbarkeit für Gesundheit und Solidarität untereinander einschränken muss.

     

die Toursiten fehlten, obwohl sie herzlich willkommen waren

  Negativ in unserem direkten Umfeld: Der Tourismus, von dem viele hier in den Küstenorten leben, war in diesem Jahr deutlich eingeschränkt. Viele fanden keine Arbeit, und das trotz eines betont guten Services und toller Preiseangebote. Diese finanziellen Lücken für die betroffenen Familien nun vor dem Winter sind heftig und kaum in den Griff zu bekommen.
Unsere Dorfpolizisten haben kein Geld mehr für Benzin, um Routinefahrten zu unternehmen, und haben wohl auch keine Lust mehr, da ihr Monatsgehalt jetzt nur noch 610.- Euro beträgt.
Die Lehrer der hiesigen Landschulen streiken oft bei einem auf 50% gekürzten Monatsgehalt von nunmehr ca. 830,- Euro. Zudem wurden zum neuen Schuljahr griechenlandweit 5000 Lehrer „frühpensioniert“ (es sollten ja  Beamtenstellen gekürzt werden), doch nur 200 neue Lehrer eingestellt. Gab es im letzten Jahr keine Schulbücher, so gibt es in diesem Jahr kaum Lehrer.
     
Regen durch das Schuldach - Umzug ist angesagt.  

In Anbetracht dieser misslichen Bildungslage finanziert jeder, der auch nur irgendwie Geld innerhalb der Familie sammeln kann, nachmittags einen privaten Zusatzunterricht in allen Fächern für seine Kinder. Wem das nicht gelingt, bleibt die Gewissheit, dass die Schulzeit ohne nennenswerten Lerneffekt an seinem Kind vorbeirauscht; Minderwertigkeitsgefühle sind hier garantiert.


In dem Schulgebäude unseres Gymnasiums fehlt das Geld für notwendige Reparaturen, so dass die Schüler bei Regen die Tische rücken, um nicht nass zu werden. Keine Übertreibung, Tatsache!

     

Pflug statt Traktor

  Das Stadtbild in Kalamata ist geprägt von geschlossenen Geschäften, in denen oft  noch Reste der Ware liegen und das „Zu vermieten“-Schild gar nicht erst aufgehängt wird – wer will, kann es denn mieten?!
Das Bild auf der Straße hat sich merklich geändert: Es fahren weniger Autos, es werden auch wieder „reanimierte“ Oldtimer gefahren, viele  sind auf ein Moped umgestiegen; in dem Anbaugebiet von Kartoffeln und Gemüse in Kalamata sieht man immer wieder Pflüge statt Traktoren. Und nur Wenige fallen unangenehm auf - gehäuft in den teuren Vierteln von Athen - mit dann extrem teuren Automobilen; doch auch hier die Veränderung: getöntes Panzerglas wurde eingebaut, um sich zu schützen...


Da Joachim, "50%" von ALISSEOS, auch praktischer Arzt ist, wird er zunehmend konsultiert von Menschen, die wissen, dass er – wie übrigens inzwischen auch einige seiner griechischen Kollegen! -  kostenlos Hilfe anbietet.  Für Notfälle stellen wir Medikamente und Verbandsmaterial – und Notfälle gibt es. Auch hat sich griechenlandweit ein Netztwerk sozialer Ambulanzen gebildet.
Denn die staatlichen medizinischen Stationen sind wie die Krankenhäuser zwangsläufig unterversorgt; in Apotheken gibt es oft die Medikamente nicht, die benötigt werden. Und wenn es sie gibt, müssen sie gleich bar bezahlt werden, auch teure Medikamente für chronisch Kranke oder Karzinompatienten: Die ausschließlich staatlichen Krankenkassen sind pleite und ersetzen über viele Monate nichts.
Wir könnten hier noch viele Beispiele anführen, die uns täglich ins Auge fallen oder von denen wir lesen….
Uns und unserem kleinen Familienunternehmen geht es in dieser deprimierenden Situation verhältnismäßig gut, da ALISSEOS seit fast 20 Jahren für ein qualitativ hochwertiges Olivenöl extra nativ steht, und auch unsere anderen griechischen Produkte einfach klasse sind und in Deutschland eine feste Stammkundschaft, eine Fangemeinde haben; wir sind sehr dankbar dafür!
Denn wir wollen und werden die Gehälter unserer Mitarbeiter nicht kürzen - aus moralischen Gründen auch nicht kürzen können. Hinter jedem Händepaar stehen Kinder, pflegebedürftige alte Menschen - stehen ganze Familien, die abhängig von einem fairen Lohn sind.

 

- Gibt es Menschen um euch rum, die nun  kein Ein- und kein Auskommen mehr haben und denen es schlecht geht?

ALISSEOS: Zum besseren Verständnis: Griechenland ist kein Sozialstaat wie Deutschland; es gibt KEINE Sozialhilfe, KEIN Pflegegeld für Alte, kaum Alten- oder Behindertenheime und Arbeitslosengeld gibt es nur 6 Monate lang, und dies auch nur sehr eingeschränkt.
Was also passiert z.B. jetzt mit unserem Freund Jorgos in Athen?
Nach dem Studium arbeitete er 15 Jahre lang täglich 8-16 Stunden, wie das halt so ist als Werbedesigner, mit 2800,- Euro gut bezahlt. Er bezog eine Wohnung mit 80 m2, heiratete, bekam 2 Kinder, fuhr einen Kleinwagen und unterstütze seine Mutter in Arkadien.
Vor 16 Monaten kürzte man das Gehalt auf 1600,- Euro – Auftragslage schwierig, Arbeitszeiten und Miete unverändert. Er verkaufte den Kleinwagen mit Verlust, für die Kinder strich er den Musikunterricht und die gemeinsamen Ferien auf Kreta.
Weihnachten 2011 die Lohnkürzung auf 880,- Euro. Eine der vielen Katastrophen mitten in Athen, der freie Fall ins Nichts.
Jorgos Familie lebt nun auf engstem Raum, zusammen mit dem kranken Schwiegervater bei entfernten Verwandten in einem Vorort Athens. Jorgos pendelt jeden Tag mit einem Nachbarn zur Arbeitsstelle und schuftet weiter, auch wenn der Lohn immer nur alle 2-3 Monate ausgezahlt wird, denn immerhin hat er noch einen Job! Seine Kinder gehen ausschließlich in die staatliche Schule vor Ort, Unterrichtsausfall im Schnitt 30%. Ihre Zukunft: Das Meer von jetzt schon 55% (!!) der arbeitslosen Jugendlichen.
Seine Frau bedient für 2,50 € pro Stunde in einem recht guten Restaurant. Und pflegt daheim den bettlägerigen Vater.
Was nun hat Jorgos falsch gemacht?!
Hat er sich verzockt, gar betrogen, hat er mit 2 Kindern und einer Mietwohnung nach den Sternen gegriffen?
Hatte er eine miese Ausbildung, hat er gesoffen, saß er faul im Kafenion, lebte er über seine Verhältnisse?!

Jorgos haben wir immer als einen sehr optimistischen Menschen kennengelernt, als einen ideensprühenden Geist, als einen herzensguten und fleißigen Mitmenschen. Doch jetzt hat auch ihn der Mut verlassen...

Die Aussage, "ALLE Griechen haben über ihre Verhältnisse" gelebt, ist schlicht ein Witz - und dazu noch ein schlechter...

Oder wie steht um unsere Nachbarin Sophia in unserem 10-Seelen-Dorf? Sie ist Witwe, bekommt aber nach wie vor die Rente ihres Mannes. Warum? Weil Frauen ihrer Generation fast nie eine Ausbildung in Griechenland hatten und sie folglich ohne eigene Einkünfte immer abhängig waren von ihren Ehemännern. Sophia ist mit 72 Jahren Analphabetin, keine Seltenheit in ihrem Alter - und kein Zeichen von Dummheit! Sie ist sehr erfindungsreich, die beste Gärtnerin weit und breit und gebildet in dem Sinne, dass sie nichts von all dem vergessen hat, was sie im Laufe ihres Lebens gehört hat.
Ihre schmale Rente beträgt 320,- Euro und kann auf dem Postamt abgeholt werden; in unserem Dorf wurde allerdings dieses Postamt aus Sparmaßnahmen geschlossen; es gibt nur noch ein zentrales, überfordertes Postamt in 15 km Entfernung. Sophia muss ihre Rente persönlich abholen und auch mit ihrem „x“ unterschreiben. Keine Mitfahrgelegenheit, keine Rente. Schlimmer noch: Das Postamt hat immer nur begrenzte Geldsummen im Safe, und wer hier zuerst kommt, ist der glückliche Gewinner. Mitte und Ende des Monats sieht es dann wirklich schon duster aus – und manchmal gibt es Wochen, die Sophia, auch mit Hilfe ihrer Nachbarn, improvisiert...

  die ganz normalen Rentner Griechenalnds sind echte Opfer

Wenn wir Zeitungen lesen, erfahren wir allerdings Schlimmeres, insbesondere aus den Städten. Es gibt Mütter, die ihre Kinder in den bereits überfüllten SOS-Kinderdörfern abgeben, weil sie hungern.
Die Selbstmordrate ist auf das 10-fache hochgeschnellt, weil ein Grieche ein stolzer Mensch ist - und sich selbst nicht mehr versorgen zu können, als Schande erlebt. Viele vorher gut verdienende Mittelständler verarmen schlagartig ohne eigenes Verschulden.

- Helfen die Menschen einander, üben sie Solidarität aus oder ist sich jeder selbst der nächste?

ALISSEOS: Die Menschen in Griechenland sind den übrigen Menschen dieser  Erde nicht unähnlich;-)! Es gibt unendlich egoistische Menschen, die sich in dieser extremen Notlage mancher Landsleute nicht scheuen, unversteuerte Gelder in ausländische Immobilien zu investieren, auf Schweizer Konten zu deponieren oder beispielsweise billigere Kartoffeln oder billigeres Olivenöl aus anderen Ländern gewinnträchtig in die Supermärkte zu schleusen. Auch haben wir Parlamentarier und Regierungsangestellte, die schamlos auf ihren unverhältnismäßig hohen Pensionen bestehen. Ein griechisches Phänomen? Wir denken nicht...



Freundlichkeit gegen die Krise  

In unserer nahen Umgebung jedoch ist Solidarität eine gelebte Sache; vergleichbar mit der deutschen "Tafel" haben sich innerhalb kürzester Zeit und ohne große Worte kleine Zellen gebildet, die dort eingreifen, wo es nötig ist: Bäckereien beliefern Schulen und Kindergärten jeden Morgen, nachdem dort einige Kinder unterernährt kollabierten.  Mütter haben sich zusammengeschlossen und bekochen bedürftige Familien. In allen Supermärkten stehen Körbe, in die man Einkäufe für diese Menschen legen kann.  Ärzte haben kostenlose Sprechstunden eingerichtet, und ein Rentner, der auf dem Wochenmarkt stumm steht, bekommt sowohl von den Händlern dort als auch von den Kunden ohne großes Aufheben Ware in die Hand gedrückt.
Die Familien untereinander sind traditionell nach wie vor hochsolidarisch.Man teilt - alles.
Diese Art der Solidarität hat etwas sehr Selbstverständliches und Schönes: Armut geht nicht einher mit dem Gesichtsverlust innerhalb der Gesellschaft; wer auf Statussymbole verzichten muss, wird nicht geächtet oder erfährt nicht weniger Respekt. Dafür lieben wir unsere griechischen Freunde!

Was auch auffällt ist, dass der Umgang miteinander in der sowieso sehr gastfreundlichen Bevölkerung noch einmal verstärkt aufmerksamer geworden ist; man geht betont  freundlich und "wach" miteinander um. Auf der Straße, in den Touristengebieten und im Supermarkt erleben iwir immer wieder Blickkontakte, kleine Gespräche und Rücksichtnahmen, die einfach wohltun. Gerade so, als wären wir alle näher zusammengerückt und ein wenig aufgewacht aus dem Alltagstrott.

Erfindungsreich auch der inzwischen sehr lebendige, sogenannte "Kartoffelhandel", eine Antwort auf unsolidarische Großhändler:  Gemeinden begannen über die sozialen Netzwerke wie Facebook  den fairen Handel mit ihren eigenen Produkten untereinander:  Es begann mit billigen, aber guten Kartoffeln, die sich ein Zusammenschluss an Familien in Nordgriechenland bestellte. Inzwischen gibt es Sammelbestellungen und Tausch von Olivenöl, Orangen, Tee und vielem mehr!

Die Solidarität des Bürgers  gegenüber dem Staat ist jedoch nach wie vor sehr belastet: In Griechenland gab es bis heute nie einen funktionierenden Staat, der das Vertrauen seiner Bürger genießen konnte. "Το κράτος μας φαί!" - "Der Staat frisst uns auf!" ist ein Sprichwort, welches wir, seit wir hier leben, hören.
400 Jahre grausamer türkischer Besetzung bis ins 19. Jahrhundert hinein haben aus einem stolzen Volk ein Volk von Steuerhinterziehern geschaffen, weil man nur über Beziehungen, Zuwendungen bekam, was man wollte  - und sei es auch nur das Überleben.
In der Zeit nach der Befreiung setzten die Großmächte –hier England – ihre Machtinteressen durch und installierten über die Bedürfnisse des griechischen Volkes hinweg ein System, welches sich auf die bisherigen Nutznießer, die sich schon unter den Türken privilegiert hatten, stützte. So blieb alles beim Alten: Vetternwirtschaft, korrupte Regierungssysteme und Klientelismus. Daran hat sich im Wesentlichen bis heute nichts geändert. Wir haben im Grund ein 2-Parteien-System, welches von wenigen Familien beherrscht wird.
Hier zählte nur, wer Beziehungen pflegte - und das war teuer. Seit Griechenland nun der EU und dem Euro beigetreten ist, floss – jedenfalls für griechische Verhältnisse - enorm viel Geld. Leider floss dieses Geld immer in die gleichen Kassen, in einen sich mehr und mehr aufblähenden Staatsapparat mit immer mehr Günstlingen. Investiert wurde nichts,  Industrien nicht aufgebaut. Nicht ganz unwichtig: Insbesondere Deutschland verdiente hervorragend an der "griechischen" Lust auf irrsinnige Rüstungsgüter, Hochtechnologien und der Lust der Reichen auf Mercedes, Porsche ...

- Kennt Ihr aus der Vergangenheit auch Fälle, wo Missbrauch getrieben wurde z.b. mit Rentengeldern oder mit Korruption?

ALISSEOS: Wir persönlich kennen niemanden, der Rentengelder für bereits verstorbene Angehörige einkassiert hätte; wir halten dies (s. Sophias Geschichte oben) auch nur für möglich mit guten Beziehungen zu den bearbeitenden Beamten oder der Rentenverwaltung - oder mit Geld gefüllten Umschlägen, den berüchtigten "fakelaki".
Steuerhinterziehung kennen wir zu Hauf - in zwei sehr unterschiedlichen Ausmaßen:  Es kam immer wieder vor, dass man in einem Restaurant oder für die Tomaten auf dem Markt keine Quittung bekam. Tatsächlich konnten auch wir nachvollziehen, dass es vielen hart arbeitenden Menschen widerstrebte, einem mafiaähnlichen Staat kleinste Steuern zu übergeben, die nie den eigenen Kindern, Straßen oder sozialen Einrichtungen zu  Gute kamen; das 13. und 14. Monatsgehalt der privilegierten Beamten mitzufinanzieren, fiel einfach schwer.

Viel dramatischer und unverständlich jedoch waren Steuerhinterziehungen in ganz anderen Größenordnungen: Ärzte, Anwälte etcdie ein monatliches Einkommen von 1200,- Euro angaben (aber Porsche fahren und eine Yacht besitzen); Grundstücksmakler, die grundsätzlich nie ihre Einnahmen deklarierten; unversteuerte Vermietungen der Feriendomizile - auch von ausländische Mitbürgern.
Nun wird hier "aufgeräumt" und jeder kleine Händler, der seine Waren aus dem Auto heraus in den Dörfern verkauft, muss nun unter Androhung heftiger Strafen eine Registrierkasse mitführen.
Weltweit einmalig dürfte in dem Zusammenhang auch sein, dass nun die SOS-Kinderdörfer in Griechenland ihre Spenden versteuern müssen!
Ein Skandal
, das eine wie das andere, wenn man bedenkt, dass Beamte nach wie vor unglaubliche Steuererleichterungen genießen und die ungeheuer reichen Reeder nach wie vor KEINE Steuern zahlen - per Gesetz!

 

Wir, die wir seit fast 30 Jahren hier leben und immer auch Kontakt zu kleinen bis mittelständigen Betrieben hatten, bekamen allerdings immer offizielle Quittungen; die kleinen Betriebe, die zur Bestechung gar nie in der Lage waren, waren im Gegenteil immer sehr darauf bedacht, nur ja nicht in das Visier der Steuerbehörden zu kommen, denn dann war man oft der Willkür eines einzelnen Beamten ausgesetzt.   viele kleine Selbständige

Auch hatten wir weder im Gesundheitswesen noch geschäftlich je Nachteile, weil wir nie auch nur auf die Idee gekommen wären, Bestechungsgelder zu zahlen.
Anders und offensichtlich gewinnträchtig sah das allerdings wohl z.B. für die deutsche Firma SIEMENS aus, die bei der Vergabe von Aufträgen vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen horrende Schmiergelder zahlte.

- Könnt Ihr verstehen, wenn Menschen in Deutschland dagegen sind, Geld nach Griechenland fließen zu lassen?

ALISSEOS: Das können wir - und mit uns viele unsere griechischen Freunde - sehr gut verstehen, denn auch uns ist klar, dass es in Deutschland ebenso notleidende Menschen gibt, die zu wenig Unterstützung haben.
Leider aber wird die Situation (warum eigentlich??!!) recht einfach dargestellt: Der "Grieche" solle endlich mehr arbeiten und nicht den deutschen Steuerzahlern sonnenbadend auf der Tasche liegen. (übrigens arbeitet ein griechischer Arbeiter im Jahresdurchschnitt mehr als ein deutscher Arbeiter, das Leben eines Selbständigen ist hier knallhart und extrem arbeitsintensiv unter, für deutsche Maßstäbe, oft unglaublich schwierigen Bedingungen)
Man hört also von Rettungsfonds usw.,  und im Grunde weiß kaum jemand, was es damit auf sich hat. Korrigieren wir bitte falsche Informationen in den Köpfen und an den Stammtischen: der deutsche Arbeiter finanziert die Fehlkalkulation z.B. der HypoRealEstateBank oder anderer Landesbanken, denn dorthin fließt das Geld; und es fließt in ein marodes Staatswesen, mit dem sich weiterhin Geschäfte machen lässt.
Es erreicht definitiv nicht die Menschen, die es brauchen und in eine stabile Zukunft investieren würden!

- Habt ihr die Krise kommen sehen?

ALISSEOS: Natürlich – und sehen sie noch viele Jahre weitergehen; Konzerne, Banken und Geldhäuser profitieren nach wie vor von Griechenland - ob es nun Griechen selbst oder Bürger andere Nationalitäten sind, ist nicht wichtig: Profit ist international und hat keinerlei nationale Interessen mehr. Übrigens: auch keine sozialen.

- Wie soll die EU die Krise bewältigen?

ALISSEOS: Ohne ein grundsätzliches Umdenken in den Köpfen der Verantwortlichen, aber auch der europäischen Bürger, wird sich an dem gescheiterten System nichts ändern.
Auf die Gefahr hin, uns lächerlich zu machen: Mehr Verantwortung für sich selbst, für seine Mitmenschen, für unsere Erde;  mehr Verständnis für die vielen unterschiedlichen Voraussetzungen auf unserem Kontinent;  mehr Neugierde auf das "Fremde"; mehr Bescheidenheit und Lebensfreude;  deutlich mehr Ethik und gefestigte Moral - dieses "MEHR" in den Schulen, im Tourismus, an den Arbeitsplätzen und in den Regierungen wäre eine Voraussetzung für dieses Umdenken.

- Was ist gut für Griechenland?

ALISSEOS: Griechenland braucht einfach mehr Zeit, um die alten Strukturen von der Basis her durch alternative zu ersetzen.
Es gibt so viele wunderbare Ideen in diesem Land, so viele unglaublich kreative und fleißige Leute, die in den Startlöchern stünden, wenn man sie denn unterstützen würde. Es darf einfach nicht sein, dass diese in Europa keine Chance bekommen.

Familie, Freunde und eine Arbeit, die einem gefällt  

Vielleicht könnte diese Misere für Europa sogar eine Zäsur werden: Kann und darf es wirklich nur ums Geld gehen?

Unser langjähriger Mitarbeiter Sokratis hat und vor wenigen Monaten einmal gesagt, er verstünde die ganze Aufregung und Panik um die Krise nicht wirklich; er wäre so froh über eine gesunde Familie, gute Freunde und über seine Arbeit mit den Oliven, die ihm gefällt.
Das bliebe doch alles, wenn auch das Geld keinen Wert mehr hätte - oder?!

Naiv und dumm? Oder einfach wahr?